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Missbrauchte Landschaften

Die Westfront

Spuren des 1. Weltkriegs zwischen
Vogesen & Flandern

Basler Zeitung Baz. Kultur
publiziert 30. Juli 2004
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Westfront

© Die unsterbliche Landschaft | Flandern
Einschlag einer 42cm-Granate im Fort de Wavre St. Catherine

Flandern

© Die unsterbliche Landschaft | Flandern
Flandrisches Trichterfeld

Am 4. August 2004 jährt sich der Beginn des 1. Weltkriegs, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, zum 90sten Mal. England erklärte Deutschland am 4. August 1914 den Krieg, nachdem die deutschen Truppen am 3. August 1914 die Grenzen überschritten und in Belgien einmarschiert waren. Der "Grosse Krieg" markiert den eigentlichen Beginn des 20. Jahrhunderts und bis heute sind seine Spuren im politischen und sozialen Kontext Europas deutlich zu erkennen.

 

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
[Georg Trakl: Grodek, 1914]

Georg Trakl einer der bedeutensten Vertreter des österreichischen Expressionismus wurde zu Kriegsbeginn als Reservist eingezogen und nach der grausamen Schlacht von Grodek (Galizien, Ukraine, 8.-14. September 1914) als Sanitäter eingesetzt. An dieser Erfahrung scheint er zerbrochen zu sein. Er nahm sich am 3. November 1914 das Leben. In seinem Gedicht "Grodek" spielt die erlebte Kriegslandschaft mit ihrer absurden Symbolik eine wichtige Rolle. "Einer der ganz grossen, unvergesslichen Eindrücke, die der Frontsoldat des Weltkrieges empfing und die sein Kriegserlebnis wesentlich bestimmten, ging von der Landschaft aus, die ihn an den verschiedenen Fronten umgab. Sie war das eigentlich Zuständliche in seinem unerhört bewegten und von einer Unzahl auf ihn einstürmender Eindrücke und Geschehnisse erfüllten Leben", schreibt Erich Otto Volkmann 1934 im Vorwort zu "Die unsterbliche Landschaft", einem umfassenden Bilderwerk des Grossen Krieges in 14 Bänden. Die darin dargestellten Kriegslandschaften sind, trotz Abstumpfung einer heute medial-übersättigten Gesellschaft, äusserst beeindruckend. Nicht weniger interessant und bewegend ist aber eine aktuelle Begegnung mit diesen "Missbrauchten Landschaften". Der damalige Kriegsschauplatz ist heute Gedächtnisraum. Die hier gezeigten Landschaftsbilder bilden für künftige Generationen ein visuelles Gedächtnis, einen Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung. Maurice Halbwachs betont: "So gibt es kein kollektives Gedächtnis, das sich nicht innerhalb eines räumlichen Rahmens bewegt. (... ) auf ihn, den Raum, muss unser Denken sich heften, wenn eine bestimmte Kategorie von Erinnerungen wiederauftauchen soll."
[Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis, Stuttgart 1967, S. 142]

Die vorliegende Arbeit reflektiert das Thema "1. Weltkrieg" über die noch heute vorhandenen Spuren und Narben in der Oberfläche der (Kultur-) Landschaft. Dabei wird als Untersuchungsgegenstand die Westfront (zwischen Vogesen & Flandern) gewählt, welche schon von den Zeitgenossen des "Grossen Krieges" als wichtigster und typischster Frontabschnitt angesehen wurde. Die Arbeit steht im Kontext des künstlerischen Forschungsprojekts "Europäische Kulturlandschaften" und vermeidet bewusst den schaulustigen, medienwirksamen Blick, widersetzt sich dem oft blutigen, voyeuristischen Charakter einer Live-Berichterstattung, zeigt vielmehr in subtiler Bildsprache und damit glaubwürdig die Wirkung kriegerischer Ereignisse auf Kulturlandschaft und damit auch auf die Gesellschaft.

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