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Die Kulturlandschaft Westsizilien

Sizilien Trinacria Trinakria

Das Wappen der Trinakría

Im Spannungsfeld zwischen Gebieten mit existenzieller Armut und blühenden Tourismuszentren zeigt das westliche Sizilien ein vielfältiges, aber auch widersprüchliches, ein mit mythologischem Kontext aufgeladenes Kulturlandschaftsbild, in dem sich Einflüsse aus Industrie, Landwirtschaft und Tourismus überlagern. Westsizilien ist eine Region von kulturhistorischer Einmaligkeit. Alltagslandschaften, fast unberührte Naturlandschaften und uralte Kulturlandschaften vermischen sich.

Als eine Region am äussersten Rand Europas gilt Westsizilien als Vorposten Afrikas. Historisch gesehen stand der Westen der Insel lange Zeit unter dem Einfluss der Karthager, später der Araber, welche die Insel von 827 bis 1091 beherrschten. Die Landmasse westlich der Linie Himera-Agrigent und die dazugehörigen Ägadischen Inseln (Favignana, Lévanzo, Maréttimo), sowie die Pelagischen Inseln im Afrikanischen Meer (Lampedusa, Linosa, Lampione) und Pantellería sind Überreste einer einstigen Landbrücke zwischen den Kontinenten Afrika und Europa. Davon zeugt auch die zwischen Westsizilien und Tunesien gelegene »verschwundene« Vulkaninsel Ferdinandea, deren Gipfel heute nur acht Meter unter der Meeresoberfläche liegt. Diese vulkanische Insel ist schon mehrmals an die Oberfläche getreten und später wieder verschwunden, zum ersten Mal dokumentiert während des Ersten Punischen Krieges (264 bis 241 v. Chr.), zum letzten Mal am 2. Juli 1831.

Die Europäische Kulturlandschaft Westsizilien grenzt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten vom Osten und Süden der Insel ab. Die untersuchte Region westlich der Linie Himera-Agrigent stimmt im wesentlichen mit den administrativen Grenzen der Provinzen Tràpani, Palermo und Agrigent überein. Dieser geografische Raum hat ein eigenes geschichtliches und kulturelles Gepräge und bildet eine homogene naturräumliche und kulturräumliche Einheit.

Auf die naturräumliche Dreiteilung Siziliens verweist der aus dem Griechischen stammende Name Siziliens in der Antike: Trinakría (das »Land der drei Vorgebirge«). Gemeint sind damit die durch das Val di Démone im Osten, das Val di Noto im Süden und das Val di Mazara im Westen geprägten Gebirgszüge. Das Wappen der Trinakría, ein geflügelter Mädchenkopf mit Schlangenhaar, getragen von drei angewinkelten Beinen, symbolisiert den triangulären geografischen Charakter der Insel mit den drei wichtigsten Städten der sizilianischen Antike Palermo, Siracusa und Taormina.

Diese Dreiteilung der Insel widerspiegelt sich auf unterschiedlichsten Ebenen, so zum Beispiel in Vegetation & Flora, in der Kultur und in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Die Europäische Region Westsizilien
Westsizilien als südliches »Tor zu Europa« war und ist ein wichtiges strategisches Gebiet im Mittelmeerraum und zieht heute Ströme von Flüchtlingen aus Mali, Ghana, Somalia, Ägypten, Marokko und Tunesien, aber auch aus der Türkei und Afghanistan an, welche versuchen, über Lampedusa in den EU-Raum zu gelangen. Dabei sinken viele der schlecht gewarteten Schiffe bevor sie die 205 km von der Küste Siziliens und nur 113 km von Tunesien entfernte Insel erreichen. Wer Glück hat wird von einem Patrouillenboote der italienischen Küstenwache aufgegriffen. Westsizilien, zum Teil südlicher als die Spitze Afrikas gelegen, ist eine Region von kulturhistorischer Einmaligkeit. Alltagslandschaften, fast unberührte Naturlandschaften und uralte Kulturlandschaften vermischen sich. Die wirtschaftlichen Probleme jedoch gleichen in vieler Hinsicht denen Osteuropas. Es ist nötig, diese Region zu revitalisieren und noch besser in Europa zu integrieren.

Die Kulturlandschaftsgliederung Westsiziliens
Die in der Folge beschriebene Gliederung der Kulturlandschaft Westsizilien stützt sich auf die wissenschaftlichen Arbeiten von Peter BURGGRAAFF [1997], Thomas GUNZELMANN [1987] und Helmut JÄGER [1987]. Dabei werden kulturlandschaftsprägende Funktionsbereiche rezenter (Alltags-)Landschaften ausgewiesen. Diese funktionale Klassifikation ist nach GUNZELMANN nur eine von drei möglichen Betrachtungsweisen, scheint aber für das Projekt »Europäische Kulturlandschaften« die sinnvollste zu sein. Im Projekt »Europäische Kulturlandschaften« werden zur Kulturlandschaftsanalyse funktionale Einheiten voneinander abgegrenzt und mittels unterschiedlicher visueller Forschungsmittel (Medien) wie zum Beispiel der Panoramafotografie dokumentiert.

Kulturlandschaftsprägende Funktionsbereiche

Gesellschaftlich, politisch und religionsbezogene Funktionsbereiche
Religiöse Stätten (z. B. Begräbnisstätten, Gedenkstätten)
Militärische Infrastruktur (z. B. Kasernenareale, Verteidigungsanlagen)
Archäologische Stätten (z. B. Ausgrabungen)
Naturschutzgebiete (z. B. Naturparks)

Wirtschaftlich orientierte Funktionsbereiche
Agrarlandschaften (z. B. Landwirtschaft, Fischerei, Jagd, Weinbau, Viehzucht, Gehöfte, Weiler)
Forstwirtschaft (z. B. Waldlandschaften)
Gewerbe- und Industrielandschaften (z. B. Industriegebiete)
Versorgungs- und Entsorgungsinfrastruktur (z. B. Wasserwesen)
Verkehrsinfrastruktur (z. B. Strassen und Plätze)
Extensivgrünflächen, Brachflächen (1) und Wüstungen (2) (z. B. Ruinenlandschaften)

Sozial und kulturell geprägte Funktionsbereiche
Siedlungslandschaften (z. B. Städte, Dörfer)
Garten- und Parklandschaften (z. B. Botanischer Garten)
Freizeitlandschaften (z. B. Tourismus)

1) Brachen sind ohne menschliches Zutun wachsende Vegetation auf Kulturboden.
2) Wüstungen sind verschwundene oder geräumte Siedlungen, aufgegebene Wirtschaftsflächen und verlassene, isolierte Industriebetriebe.

Bei der oben beschriebenen Gliederung der Kulturlandschaft Westsizilien ist zu beachten, dass bestimmte Kulturlandschaftselemente, zum Beispiel »Wald«, mehreren Funktionsgruppen zugehörig sein können. Waldlandschaften gehören natürlich einerseits zum Bereich Forstwirtschaft, haben aber zunehmend auch eine Funktion als Freizeitlandschaft. So ist der anthropogen geformete Wald im mediterranen Winterregengebiet Westsiziliens, der »Bosco di Ficuzza« bei Corleone, ein gern besuchter Ort für das sonntägliche Familienpicknick.