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Europäische Kulturlandschaften
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Europäische Kulturlandschaften European cultural landscapes |
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Projektbeschreibung (summary) |
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«Die Wahrheit der Kunst verhindert, dass die Wissenschaft unmenschlich wird, und die Wahrheit der Wissenschaften verhindert, dass die Kunst sich lächerlich macht.» [Raymond CHANDLER] |
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«Landschaft. Ästhetisches Objekt oder Produktionsstätte? Mythos oder Zeichensystem? Gegenstand der Träume oder Ausbeutung? Natur oder Menschenwerk? Illusion oder Lebensraum?» [Friedrich ACHLEITNER] |
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«Wir begreifen Kulturlandschaften als repräsentativen Teil der Lebenswelt gesellschaftlicher Gruppen, die einem steten Wandel und Anpassungsprozess unterliegen. Sie stehen im Beziehungsgefüge zwischen Mensch, Natur und Kultur. Der "Kolonisierung der Landschaft" soll eine Auseinandersetzung mit der zukünftigen Entwicklung auf wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage gegenübergestellt werden. Dafür bedarf es einer Bestandserhebung der europäischen Kulturlandschaften im umfassenden Sinne, da erst auf einer solchen Grundlage eine sachliche Auseinandersetzung über den Wert der vorhandenen Kulturlandschaften erfolgen kann.» [Franz DOLLINGER] |
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Das hier vorgestellte künstlerische Forschungsprojekt «Europäische Kulturlandschaften» stellt das «Europa der Regionen» ins Zentrum seiner Untersuchungen. Die nach dem Zusammenbruch der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90 entstandene «Bewegung» des Kontinents, der Prozess der europäischen Integration und Transformation innerhalb der «Landmasse zwischen Atlantik und Ural, Mittelmeer und Nordkap» hat neue Grenzen geschaffen und alte Regionen wiederbelebt. Diese europäischen Regionen und die in ihnen eingebundenen kulturlandschaftlichen Subsysteme, wie zum Beispiel Stadtlandschaften, Industrielandschaften oder Freizeitlandschaften, um nur drei Kategorien zu nennen, bilden den Forschungsgegenstand. Untersuchungen des EFRE (Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung) - publiziert im «Eurobarometer 36» - haben gezeigt, dass neun von zehn Europäer mit dem Begriff «Region» eine konkrete Vorstellung verbinden und sich damit stärker verbunden fühlen als etwa mit dem Begriff «Europa». Die Region, mit der man sich identifiziert, der Ort, an dem man lebt und arbeitet, vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit. Als ein relativ engbegrenzter, personennaher gesellschaftlicher und kultureller geografischer Raum manifestiert sich eine Region gegen aussen als homogene Kulturlandschaft mit einem eigenen spezifischen Gepräge. Dabei ist die geografische Begrenzung einer Kulturlandschaft nicht immer identisch mit festgelegten staatlichen oder administrativen Grenzen. Ziel des hier vorgestellten künstlerischen Forschungsprojekts ist es, die sich in stetem Wandel und Anpassungsprozess befindlichen europäischen Kulturlandschaften wissenschaftlich zu untersuchen und künstlerisch zu dokumentieren und damit ein signifikantes Bildarchiv europäischer Kulturlandschaften des 21. Jahrhunderts anzulegen. Dabei liegt der Fokus nicht in der Sicht auf die «geballten Sehenswürdigkeiten» [Paul NIZON], sondern auf der Dokumentation kleinräumiger Strukturen, der oft unspektakulären «Alltagsräume», welche jedoch in ihrer Gesamtheit das Erscheinungsbild einer Region ebenso entscheidend prägen wie die augenfälligen, weithin sichtbaren Erkennungszeichen (engl. «landmarks»). Kulturlandschaften stehen im Beziehungsgefüge zwischen Mensch, Natur und Kultur. Der Begriff «Kulturlandschaft» umfasst das breite Spektrum von noch fast intakten, extensiv genutzten Landschaften (z. B. Berglandschaften, Wüstengebiete) bis hin zu grossräumigen Siedlungen und komplexen Stadtlandschaften, in denen die Natur marginalisiert und zum Teil durch künstlich angelegte Garten- und Parklandschaften ersetzt wird (die sogenannte «Dritte Natur»). Kulturlandschaften als sinnlich wahrnehmbarer Raum sind signifikante Zeugen der Evolution der menschlichen Gesellschaft und der Siedlungen. Die mit diesem Projekt entstehenden komplexen Kulturlandschaftsbilder formen ein visuelles Kulturlandschaftsinventar und damit ein einmaliges historisches Dokument, welches erlaubt, die in der Gesellschaft wirkenden sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte visuell zu lesen und die räumlichen Veränderungen in der Zeitachse zu verfolgen. Dieses Archiv als Bestandteil künstlerischer Methodik bildet für künftige Generationen ein visuelles Gedächtnis, einen Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung. Die UNESCO hat 1972 das «Internationale Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt» verabschiedet. Inzwischen haben es 176 Staaten unterzeichnet. Es ist das international bedeutendste Instrument, das jemals von der Völkergemeinschaft zum Schutz ihres kulturellen und natürlichen Erbes beschlossen wurde. Zum UNESCO-Kulturerbe gehören Baudenkmäler und Städteensembles, aber auch Industriedenkmäler und Kunstwerke wie Felsbilder. Das Naturerbe umfasst geologische Formationen, Fossilienfundstätten, Naturlandschaften und Schutzreservate von Tieren und Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Seit 1992 werden auch Kulturlandschaften offiziell als schutzwürdig anerkannt. Alle weltweit ins UNESCO Welterbe aufgenommenen Kulturlandschaften sind auf dem Internet dokumentiert. Die wissenschaftliche Betrachtung der Kulturlandschaft beschäftigt die verschiedenartigsten Disziplinen und bedingt deren Vernetzung. «Historische Geografie, Raumplanung und Stadtentwicklung , landwirtschaftliche Konzept- und Methodenplanung, Forstwissenschaft, Natur- und Heimatschutz, Schutz und Pflege historischer Zeugnisse, Tourismusplanung - sie alle und weitere Fachgebiete kümmern sich um gewisse Aspekte, um Einzelbelange der Kulturlandschaft. (...) Diese Einzeluntersuchungen, diese Einzelaktivitäten bergen die Gefahr in sich, zwar sektoriell begründbar zu sein, der Kulturlandschaft indessen insgesamt nicht gerecht zu werden. Die Nachbarschaften und Vernetzungen der verschiedenen Gebiete kommt nicht oder zu wenig zum Tragen. (...) Im Rahmen einer solchen Betrachtungsweise wird deutlich, dass das Ganze kostbarer ist als die Summe der einzelnen Teile, dass der Einzelaspekt in seiner Bedeutung gesteigert wird durch benachbarte, vielleicht sogar widersprechende, konträre Aspekte.» [FURRER, Bernhard: Einführung: Kulturlandschaft. Eine schwer fassbare Bekannte. In: Mehr-Wert Kulturlandschaft. Bern: Bundesamt für Kultur BAK, 2000, S. 4] Als ein inter- und transdisziplinäres Erkenntnisobjekt verlangt Kulturlandschaft geradezu nach einem transmedialen Ansatz der Vermittlung mittels künstlerisch-ästhetischer Strategien. Im Rahmen des künstlerischen Forschungsprojekts «Europäische Kulturlandschaften» übernimmt die Kunst eine aktive Rolle im Wissens- und Know-how-Transfer. Dieser erweiterte Kunstbegriff und eine erweiterte Auffassung von visueller Kultur, aber auch ein erweiterter Wissenschaftsbegriff sind Ausgangspunkte für die dem Projekt zugrundeliegende Überzeugung, dass künstlerische Kompetenzen einen wichtigen Beitrag in wissenschaftlichen Prozessen leisten und wissenschaftliche Themen aus neuer Optik erkenntnisfördernd reflektieren können. Nicht zu unterschätzen sind die von HEID & JOHN in «TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft» definierten Transfer- und Integrationsleistungen künstlerischer Tätigkeit im Kontext von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Mit Transfer meinen die Autoren in diesem Zusammenhang «die kritische Vermittlung lebenspraktischer Bedürfnisse an Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, wie auch die Kommunikation der Erkenntnisse und Effekte dieser Bereiche in der Gesellschaft». Unter Integration verstehen HEID & JOHN «die Verankerung von differenziertem Reflexionswissen im Alltag mit Hilfe künstlerisch-ästhetischer Strategien.» Künstlerische Forschung verlangt von den beteiligten Partnern aus Wissenschaft und Kunst eine geistige Offenheit, ein «Sich-Einlassen» und ein Grundverständnis für den jeweils anderen Bereich. «Künstlerische Forschung mag als Terminus für diejenigen ungewohnt sein, die "Forschung" ganz selbstverständlich durch das Attribut "wissenschaftlich" ergänzen. Sie verengen ihren Blickwinkel damit auf eine Methode, die in der heutigen Form erst seit rund 350 Jahren, seit der Idee der Subjekt-Objekt-Spaltung durch Descartes, betrieben wird. Den Beginn künstlerischer Forschung können wir mit dem Erscheinen des Buches "Das Buch von der Kunst" von Cennino Cennini um das Jahr 1400 datieren. In diesem werden zum ersten Mal (soweit bekannt) nicht nur künstlerische Techniken und Rezepturen beschrieben, systematisiert und damit allgemein reproduzierbar, es behandelt auch ausführlich die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft und liefert damit eine - aus heutiger Sicht soziologische - Definition der künstlerischen Tätigkeit als Subsystem. (...) Künstlerische Forschung ist nicht an konventionelle Paradigmen der Wissenschaftlichkeit gebunden, sie kann ohne dogmatischen Methodenzwang agieren (...), kann ohne Rücksicht auf die Definitionsmacht von Spezialisten in unterschiedlichsten Lebensbereichen erkenntnisfördernd tätig werden» [HEID, Klaus, Ruediger JOHN 2003: Transfer: Kunst Wirtschaft Wissenschaft. S. 7]. |