Chris Wittwer | works
E U R O P Ä I S C H E | K U L T U R L A N D S C H A F T E N

Westsizilien

Im Spannungsfeld zwischen Gebieten mit existenzieller Armut und blühenden Tourismuszentren zeigt das westliche Sizilien ein vielfältiges, aber auch widersprüchliches, ein mit mythologischem Kontext aufgeladenes Kulturlandschaftsbild, in dem sich Einflüsse aus Industrie, Landwirtschaft und Tourismus überlagern. Westsizilien ist eine Region von kulturhistorischer Einmaligkeit. Alltagslandschaften, fast unberührte Naturlandschaften und uralte Kulturlandschaften vermischen sich.

Als eine Region am äussersten Rand Europas gilt Westsizilien als Vorposten Afrikas. Historisch gesehen stand der Westen der Insel lange Zeit unter dem Einfluss der Karthager, später der Araber, welche die Insel von 827 bis 1091 beherrschten. Die Landmasse westlich der Linie Himera-Agrigent und die dazugehörigen Ägadischen Inseln (Favignana, Lévanzo, Maréttimo), sowie die Pelagischen Inseln im Afrikanischen Meer (Lampedusa, Linosa, Lampione) und Pantellería sind Überreste einer einstigen Landbrücke zwischen den Kontinenten Afrika und Europa. Davon zeugt auch die zwischen Westsizilien und Tunesien gelegene »verschwundene« Vulkaninsel Ferdinandea, deren Gipfel heute nur acht Meter unter der Meeresoberfläche liegt. Diese vulkanische Insel ist schon mehrmals an die Oberfläche getreten und später wieder verschwunden, zum ersten Mal dokumentiert während des Ersten Punischen Krieges (264 bis 241 v. Chr.), zum letzten Mal am 2. Juli 1831.

Die Europäische Kulturlandschaft Westsizilien grenzt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten vom Osten und Süden der Insel ab. Die untersuchte Region westlich der Linie Himera-Agrigent stimmt im wesentlichen mit den administrativen Grenzen der Provinzen Tràpani, Palermo und Agrigent überein. Dieser geografische Raum hat ein eigenes geschichtliches und kulturelles Gepräge und bildet eine homogene naturräumliche und kulturräumliche Einheit.

Auf die naturräumliche Dreiteilung Siziliens verweist der aus dem Griechischen stammende Name Siziliens in der Antike: Trinakría (das »Land der drei Vorgebirge«). Gemeint sind damit die durch das Val di Démone im Osten, das Val di Noto im Süden und das Val di Mazara im Westen geprägten Gebirgszüge. Das Wappen der Trinakría, ein geflügelter Mädchenkopf mit Schlangenhaar, getragen von drei angewinkelten Beinen, symbolisiert den triangulären geografischen Charakter der Insel mit den drei wichtigsten Städten der sizilianischen Antike Palermo, Siracusa und Taormina.

Diese Dreiteilung der Insel widerspiegelt sich auf unterschiedlichsten Ebenen, so zum Beispiel in Vegetation & Flora, in der Kultur und in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Die Europäische Region Westsizilien
Westsizilien als südliches »Tor zu Europa« war und ist ein wichtiges strategisches Gebiet im Mittelmeerraum und zieht heute Ströme von Flüchtlingen aus Mali, Ghana, Somalia, Ägypten, Marokko und Tunesien, aber auch aus der Türkei und Afghanistan an, welche versuchen, über Lampedusa in den EU-Raum zu gelangen. Dabei sinken viele der schlecht gewarteten Schiffe bevor sie die 205 km von der Küste Siziliens und nur 113 km von Tunesien entfernte Insel erreichen. Wer Glück hat wird von einem Patrouillenboote der italienischen Küstenwache aufgegriffen. Westsizilien, zum Teil südlicher als die Spitze Afrikas gelegen, ist eine Region von kulturhistorischer Einmaligkeit. Alltagslandschaften, fast unberührte Naturlandschaften und uralte Kulturlandschaften vermischen sich. Die wirtschaftlichen Probleme jedoch gleichen in vieler Hinsicht denen Osteuropas. Es ist nötig, diese Region zu revitalisieren und noch besser in Europa zu integrieren.