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Der folgende Text entstand während meines Studienaufenthalts 2007 am Spazio Culturale Svizzero di Venezia.


Chris Wittwer
ExtremSchlendern



Der Fuss tat mir schon zwei Tage vor der Abreise etwas weh. Ich war am Morgen ganz normal kurz nach sieben Uhr aufgestanden, und der Schmerz war da, wie aus dem Nichts. Ich konnte es mir nicht erklären. »Das wird wohl wieder verschwinden«, dachte ich mir, und meinem Zynismus einmal mehr freien Lauf lassend: »In meinem Alter, also über vierzig, tut einem sowieso jeden Tag etwas weh, jeden Tag etwas anderes.«


In der schrecklich schönen Stadt im Meer angekommen, beginnt der Fuss, es ist nur der rechte betroffen, noch stärker an zu plagen. Er ist nun sogar etwas angeschwollen. Ich schliesse auf eine Entzündung der Sehnen oder der Fussbodenmuskulatur, was, wie ich einmal in einer medizinischen Fachzeitschrift gelesen habe, sehr langwierig sein kann.


Stark hinkend quäle ich mich durch die belebten Gassen, über die unzähligen Treppen und Plätze der Lagunenstadt. Ältere Menschen mit Stock, die Mutter mit den zwei kleinen Kindern, eines davon im Kinderwagen vor sich herschiebend und zusätzlich einen grossen gelben Plastikbeutel vom supermercato schleppend, überholen mich mühelos. Ich muss gezwungenermassen schlendern, eine Gangart, die mir eigentlich zutiefst verhasst und fast unbekannt ist. Nun aber geht es nicht anders; der Fuss weigert sich, stärker belastet zu werden.


Sich sehr langsam fortzubewegen hat allerdings den Vorteil, das urbane Treiben ausgiebig beobachten zu können. Oft geschieht dies vom schattigen Sitzplatz eines gemütlichen cafés aus, denn ich muss mir, beziehungsweise meinem Fuss, viele Pausen gönnen. Wäre nur das birra media nicht so verdammt teuer, man würde es ewig so aushalten können.


»Herrlich!« denke ich mir beim Anblick eines Mannes in zweireihigem, marineblauem Blazer mit dem eingeprägten Wappen auf der linken Brustseite, den aufgesetzten Taschen und den goldenen Knöpfen. Es gibt sie also noch, diese vermeintlich ausgestorbenen Unikate, ja, fast massenhaft ist hier zu sehen, was anderswo längst dem gesellschaftlichen Uniformitätsdruck weichen musste. Eine Art ökologische Nische für skurrile Gestalten und lächerliche Figuren.

Zur letzteren Spezies gehören vor allem auch Tausende von sogenannt »normalen Touristen«. In ihrer ganz eigenen, unverkennbaren Uniform drängen sie sich durch die verwinkelten Gässchen, über die von Taubenkot verdreckten und leicht modrig riechenden Plätze der Stadt, dann hinein in die im milchig-grünen und stets stark bewegten Wasser schaukelnden gondoli oder auf die zum Platzen überfüllten vaporetti. Beim starken Geschlecht sind die khaki- oder pastellfarbenen und bis zum Knie reichenden Hosen angesagt, die dem Mann etwas Bubenhaftes, ein leicht kindliches Gepräge geben. Vom Büroalltag geschundene, oft fast blütenweisse Beine marschieren weiss besockt in offenen Sandalen oder noch lässiger in Strandschlarpen aus Plastik. Das gute alte quergestreifte Poloshirt, womöglich noch von der Marke mit dem Krokodil, welches, in die Hose gesteckt, einen leichten bis üppigen Bauchansatz prägnant hervortreten lässt, hat hier noch nicht ausgedient. Umgehängt vor der Brust der obligate, nun meist digitale Fotoapparat mit seiner besonders bei grossen Brennweiten ins Unermessliche gesteigerten phallischen Wirkung. An der Seite mitgeführt oder im Schlepptau eine meist etwas zu stark geschminkte Frau, besonders häufig mit übergrosser, dunkler Sonnenbrille im Froschaugenlook.


So aufgemacht und immer leicht schwitzend steht sich der Tourist vor einer Sehenswürdigkeit, die ihm sein Reiseführer zu besuchen dringend nahelegt, die Beine in den Bauch oder trottet im Rudel gemächlich seinem vielsprachigen Guide hinterher, welcher die Gruppe anführt, meist an einem Stock ein kleines Fähnlein hochhaltend, welches das venezianische Wappen zeigt, also den goldenen und geflügelten Löwen, welcher mit den vorderen Pranken ein offenes Buch hält, worin die Worte pax tibi, Marce evangelista meus zu lesen sind. Andere, eher pragmatisch orientierte Reiseleiter benutzen zur Sammlung und Lenkung der Gruppe einen zusammengeklappten Regenschirm. Denn in der Lagune kann es auch von oben mal ganz schön feucht werden.


Der Fuss aber will einfach nicht heilen, die Schwellung nicht zurückgehen, trotz Salbe mit antirheumatischer und schmerzstillender Wirkung, trotz den kalt-warmen Thermobehandlungen, wobei ein im Gefrierfach des Kühlschranks gelagerter Beutel mit gelartigem Inhalt eiskalt und nur in ein dünnes Tuch gewickelt auf die entzündete Stelle gelegt wird. Alles umsonst! Wohl oder übel führt das Hinken zu erzwungener Achtsamkeit und Kontemplation. Jede Bewegung beim Aufsetzen des rechten Fussballens schmerzt, und da die Gehwege in der Stadt immer uneben sind, Platte für Platte sich der Winkel beim Aufsetzen des Fusses leicht, wenn auch nur minim ändert, ist jeder Schritt dem Fuss zuwider.


Statt lange Strecken zu gehen, benutze ich, sooft es eben geht, das vaporetto, ein extrem behäbiges Verkehrsmittel, das zudem noch alle paar hundert Meter anlegen muss. Ein immer gleiches Prozedere von Vorwärts und Zurück, von Gasgeben und Stoppen des Motors, vom Anlegen und teilweise kräftigen Anschlagen des Bootes am im Wasser schwimmenden pontile. Zeitaufwendig ist auch das Verknoten und spätere Wiederlösen des etwa daumendicken Hanfseils, welches vom marinaio über einen metallenen Pfosten geworfen wird. Viel Zeit also, um sich auch hier umzusehen!


»Unglaublich!« wundere ich mich. Es gibt sie also immer noch, die Hobby- und anderen Fotografen, meist Männer, denn Männer haben ein Hobby zu haben, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sonst werden sie leicht quengelig und sind nur schwer zu ertragen, geschweige denn ohne Nörgeln durch eine noch fremde Stadt zu führen. Diese Männer also, vereinzelt natürlich auch Frauen, fotografieren noch heute, und ich kann ein leichtes Schmunzeln nicht verbergen, noch heute also, nicht mehr auf Film, sondern auf so Pixel, digital halt, man weiss meist nicht so genau Bescheid, Sujets wie tiefrot glühende Sonnenuntergänge, grauweisse Möwen, die auf im Wasser stehenden Pfählen, venezianisch bricole genannt, sitzen und natürlich palazzi, Kanäle und Spiegelungen im Wasser bis zum Abwinken.


Bricht abends die Dämmerung herein, nehme ich oft erschöpft an einem Tischchen unter freiem Himmel Platz, den bösen Fuss so gut wie möglich entspannend, und genehmige mir erstmal einen Apéro. »Spritz Aperol«, venezianisch spriz, ein Getränk auf Basis von Prosecco und einer Beigabe von Campari Bitter oder Aperol, serviert mit Eis und einer Zitronen- oder Orangenscheibe, ist gerade der Renner. Der Kellner serviert das Getränk meist auf einem silbernen Tablett, dazu ungefragt eine Schälchen mit Chips, was mich ärgert, da ich der Versuchung, ist sie einmal da, kaum widerstehen kann. Ähnlich ergeht es offenbar den gefrässigen Tauben und Spatzen der Stadt. Diese picken nicht nur die Brösel vom Boden auf, sondern wagen sich sogar mit kurzem Flügelschlag aufs Tischchen vor, von dem ich sie mit einer flüchtigen Bewegung der Hand erfolglos zu verscheuchen suche.


Ab und zu habe ich Mitleid mit den kleinen Spatzen, werfe ihnen einen Kartoffelchip oder ein Stück Brot zu, doch auf meine Hand wollen sie nicht kommen. Anders behandle ich die Tauben, »die Ratten der Lüfte«, wie man sie zu nennen pflegt. Diese peinlichen Tiere werden nicht nur auf der Piazza San Marco, sondern überall in der Stadt von gutmütigen Touristen zum Brechen voll mit Maiskörnern gestopft. Aufgeplustert und dabei immer irgendwo hinscheissend bewegen sie sich mit vor und rückwärts wippendem Kopf übers Pflaster, gluckern und prusten geil vor sich hin und hintereinander her, so dass es mir fast übel wird. Ich begrüsse daher ausdrücklich die Versuche des Bürgermeisters, diese Plage mittels als Futter getarnter Antibabypillen auszurotten, doch die Tauben wollen das Zeug nicht fressen, und so bleibt wohl alles beim alten.


»Da muss man als Einheimischer, als residente, gute Nerven haben«, denke ich mir. Das Touristenpack nervt fast das ganze Jahr, nur im November, wenn der Nebel (und oft auch das aqua alta) in die Stadt einfällt und alles etwas unwirklich, ja fast märchenhaft erscheinen lässt, wenn der Husten im feuchten Klima schon chronisch ist, wird es etwas ruhiger. Doch das ist nur die Ruhe vor dem nächsten Ansturm, welcher der versinkenden Stadt unausweichlich droht. Wann sich das Meer das aufgeschüttete Land zurückholt, ist noch unklar.


»Dem Klima selbst ist die Klimaveränderung egal«, ist mein philosophischer Ansatz dazu, »und das sollte den Menschen eigentlich zu denken geben.«
Das feuchte Ambiente in der Lagune, die vom Hochwasser zurückgelassenen farbigen Wasserpfützen und das ewige Gefühl des Schaukelns, selbst wenn man auf festem Boden steht, tun dem Fuss nicht gut. Oft schwanke ich auf dem abendlichen Nachhauseweg von einem köstlichen Essen, das hier mehr als nur Nahrungsaufnahme ist, sondern eben mangiare, also Schlemmen, leicht hin und her. Man könnte mich durchaus für betrunken halten, und so ist es dann auch ab und zu.


Die Zeit in Venedig geht schneller vorbei als gedacht. città di tenebra nenne ich die Stadt ehrfürchtig und schreibt dazu in mein Tagebuch: »Ich habe Dich lieben und hassen gelernt. Deine tiefe, dunkle Melancholie ist allgegenwärtig und schmerzhaft. Massen von Touristen gehen achtlos und beschäftigt an Dir vorbei. Dein innerstes Wesen bleibt ihnen verborgen. Du berührst nur den, der sich in der Seele auch berühren lässt. Schatten und Schmerz, Dekadenz, Not und Elend sind Deine treuen Begleiter. Eine mystisch-elegische Atmosphäre verzaubert Deine Plätze. Prunkvoll und opulent zelebrierst Du Deinen langsamen Verfall. Du, schrecklich schöne Stadt im Meer.«


Als ich Venedig mit dem Zug, über den Damm nach Mestre fahrend, hinter mir lasse, türmen sich weisse, zerzauste Wolkenknäuel am frisch verschneiten Alpenkamm. Mir ist es leicht mulmig zumute, wie fast bei jedem Abschied.
Acht Stunden später, als ich in meiner Heimatstadt aus dem wie üblich verspäteten Cisalpino steige, mit dem rechten Fuss das harte, aber ebenmässige Pflaster des Bahnsteigs betrete, ist der Schmerz, so wie er vor Wochen gekommen ist, urplötzlich verschwunden, einfach weg!

Dennoch suche ich am nächsten Tag meinen Hausarzt auf, denn der Termin ist schon länger vereinbart. Der kann nichts finden, man hat also mal etwas Zeit für ein kurzes privates Gespräch. »Wie war Ihre Zeit in Italien?« fragt der Arzt.
»Venedig muss sehr schön sein«, antworte ich fast etwas wehmütig.


© Chris Wittwer 2007/2008
www.culture-nature.com

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