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Chris Wittwer
Herr K.

Herr K.

Chris Wittwer Sich vor einen Zug werfen
Neue Geschichten vom Herrn K.
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Titel voraussichtlich versandfertig innerhalb 4 Wochen.
ISBN-10: 3-9522834-1-X
ISBN-13: 9783952283417
Einband: gebunden

info@culture-nature.com

Erschienen bei: extensions Verlag Zürich, Postfach 5052, 8045 Zürich
Seitenzahl: 136
Sprache(n): Deutsch
Preis: 32 CHF inkl. Versand Schweiz Inland
Preis: 22 Euro inkl. Versand Europa

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REZENSIONEN

Chris Wittwer
Neue Geschichten vom Herrn K.
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"DER KLEINMEISTER: Geschichten in der kurzen Form. Das verlangt vom Autor hohe Konzentration auf jedes Wort, jedes Satzzeichen, jede Nuance. Chris Wittwer kann das, er ist ein hervorragender Komprimierer der Handlungen, ein Verdichter von Lebensabsurditäten, ein Zeremonienmeister der Kuriosität von Existenz. Und weil er es kann, habe ich seine Geschichten von der ersten bis zur letzten verschlungen und empfehle sie dringend allen weiter."

Thomas Widmer
Die Weltwoche

>>> Textbeispiele

Einsamkeit

Gerade erst in die neue Wohnung am Stadtrand gezogen, begegnete Herr K. dem Hausmeister zufällig im Treppenhaus.
»Hätten Sie nicht Lust, mit mir am Wochenende auf dem See eine Schiffahrt zu unternehmen«, fragte der Hausmeister Herrn K. beiläufig.
»Ich habe sehr viel zu tun«, erwiderte Herr K. erstaunt und abweisend.
»Den Hausmeister habe ich später nie mehr gesehen. Und niemand im Haus hat den Schuss gehört«, gab Herr K. der Polizei zu Protokoll.


Geil

»Ich habe definitiv bei mir keinen G-Punkt entdeckt«, sagte eine ihm bisher unbekannte Frau an der Bar zu Herrn K. »Aber ich kann einem Mann genau zeigen, wie er mich befriedigen kann. Ich liebe es, geleckt zu werden, bin aber auch zwischen den Zehen und am Ohrläppchen sehr empfindlich.«
»Die erogenen Zonen einer Frau find ich ganz instinktiv«, prahlte Herr K.
»Ich find es einfach wichtig«, meinte die Frau, »dass man über diese Dinge miteinander offen reden kann und dass auch der Mann der Frau sagt, was er sich diesbezüglich wünscht. Manchmal verkleide ich mich als Krankenschwester und untersuche den Mann, ich hab auch Requisiten dazu gekauft.«
»Lass uns zu dir nach Hause gehen«, schlug Herr K. vor. »Sorry«, antwortete die Frau, »aber ich steh nur auf Langhaarige.«
»Soll ich mir eine Perücke besorgen?« fragte Herr K.


Marmelade

Draussen auf dem Korridor, wie im Vorbeigehen, sagte der Oberarzt zu Herrn K.:
»Sie können Ihre Mutter heute mit nach Hause nehmen. Es sind noch drei, maximal vier Tage, und da ist sie zu Hause sicher besser aufgehoben.«
Im Krankenzimmer verlangte die Mutter Aufklärung. »Was ist los, was hat der Arzt gesagt«, fragte sie mit gebrochener Stimme.
»Du darfst mit nach Hause kommen. Vater holt dich noch heute mit dem Auto ab«, antwortete Herr K. kleinlaut.
»Und sonst«, fragte die Mutter, »was noch?«
»Du musst sterben«, sagte Herr K.
Zuhause, in dem eigens eingerichteten Krankenzimmer, immer noch an verschiedene Schläuche angeschlossen, verlangte die Mutter ein Butterbrot mit Erdbeermarmelade. Herr K. wunderte sich zwar, da die Mutter künstlich ernährt wurde und schon seit einiger Zeit nichts Festes mehr zu sich nehmen konnte, brachte ihr aber das Gewünschte.
Genüsslich, in langsamen, apathischen Bewegungen, führte sie das Marmeladebrot an den Mund, saugte ein wenig daran, ohne es jedoch essen zu können.
In der folgenden Nacht war Herr K. an der Reihe, um, am Bett der Mutter sitzend, Nachtwache zu halten. Er hielt ihre ausgemergelte Hand wohl für einige Stunden und war schon fast in einen leichten Dämmerschlaf gefallen, als diese plötzlich erschlaffte. Herr K. spürte, dass von diesem Moment an nur noch eine leere Hülle, etwas Unbeseeltes vor ihm lag. Er wusste, die Mutter war tot, ohne genauer nachsehen zu müssen.
Im Elternschlafzimmer weckte er den Vater. »Sie ist gestorben«, sagte Herr K.
Als er ins Krankenzimmer zurückkam, war ihr Mund krampfartig geöffnet, der Körper schon sehr weiss. Der Vater schloss den Mund, bevor die Leichenstarre dies verunmöglichte, indem er ein Küchentuch über dem Kopf straff zusammenschnürte.
Auf dem Nachttisch neben dem Bett lag noch immer das nun halbvertrocknete Marmeladebrot. Tagelang konnte Herr K. nichts mehr fühlen.


Mamma

Als die Prostituierte sich ausgezogen hatte, bemerkte Herr K. unter ihrer linken Brust eine dritte, etwas kleinere Brustwarze.
Verblüfft zeigte er der Frau dasselbe Merkmal an seinem Körper, viel unscheinbarer jedoch, so dass die meisten Leute es nicht beachteten oder darin einfach einen Leberfleck sahen.
»Dies ist in unserer Kultur ein mystisches Zeichen für ganz besondere Menschen«, meinte die Frau.
Sie wollte für den Sex kein Geld nehmen und schaute nicht auf die Uhr.
Später forschte Herr K. nach der Bedeutung dieser Anomalie, fand aber nur deren medizinische Diagnose: »Überzählige Mamma.«



Plötzlicher Tod

In den Sommermonaten kam es des öfteren vor, dass sich einzelne Bienen in die Wohnung von Herrn K. verirrten und den Weg nach draussen nicht mehr finden konnten.
Das einfachste, diese nämlich mit einer zusammengerollten Zeitung zu erschlagen, war für Herrn K. jedoch kaum möglich.
Meist versuchte er das Insekt in einem leeren Marmeladenglas einzufangen und ausserhalb der Wohnung wieder fliegen zu lassen.
»Man weiss ja nie«, philosophierte Herr K., »ob die Biene noch irgendwelche Verpflichtungen hat. Ein derart plötzlicher Tod könnte in ihrem Umfeld viel aus dem Gleichgewicht bringen, und das macht mir angst.«


Narben

Als Herr K. nach der Operation aus der tiefen Narkose erwachte, lag er in einem Vierbettzimmer, das von drei älteren Herren mitbelegt war. Eine Krankenschwester brachte ihm die Pillen für die Nacht und machte eine Spritze zur Blutverdünnung. Als Herr K. das hinten offene Nachthemd vorne etwas anhob, sah er die verbundene Stelle auf der Bauchdecke ganz rechts unten. Ausserdem waren zu seinem grossen Erstaunen die Schamhaare abrasiert, und er trug weisse, lange Strümpfe.
Im Zimmer war es sehr unruhig. Ein Mann mit schlohweissem Haar und nacktem Oberkörper schnarchte lautstark und arhythmisch. Zur linken Seite, nur abgedeckt von einem dünnen, unifarbenen Vorhang, ruhte ein weiterer Patient, tiefe, lange Atemzüge von sich gebend. Ein gelegentliches Husten war vom Dritten im Zimmer zu hören. Gottseidank hatte Herr K. Ohrenstöpsel dabei. Sie waren seit langem Bestandteil seines Notfallsets.
Als Notfall war er die Nacht zuvor ins Spital eingeliefert worden. »Appendicitis acuta«, diagnostizierte der Oberarzt. Um die Diagnose abzusichern, wurde noch eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Der Mann am Gerät war sichtlich erfreut, als er den geschwollenen Blinddarm auf dem flimmernden Monitorbild lokalisieren konnte.
»Tut mir leid für Sie! Aber ich freue mich, das Teil gefunden zu haben. Ich bin nämlich noch in der Ausbildung an diesem Gerät, und das Teil ist nur schwer zu finden, gerade bei einer robusten Natur wie bei Ihnen«, sagte er noch zu Herrn K. und drückte den Schallkopf des Geräts noch tiefer in die schon schmerzende Stelle.
Von der Operation blieb eine ungefähr drei Zentimeter lange Narbe zurück, die gut verheilte. Herr K. machte sich trotzdem Sorgen wegen seiner nicht mehr vorhandenen physischen Integrität. »Einmal aufgeschlitzt, ist man nicht mehr derselbe«, war seine Meinung dazu. Andere sahen dies lockerer. Der Patient neben ihm, soeben am Herzen operiert, antwortete auf die Frage wie er sich so fühle:
»Viel besser als nach meiner dritten Bauchoperation. Diesmal musste ich ja nur eine Herzklappe auswechseln lassen.«
»Der Mann spricht von seinem Körper wie jemand, der sein Auto zur Reparatur bringt«, dachte sich Herr K., und »Ich bin froh, noch ohne Ersatzteile auszukommen.«


Shit happens

Es war im Painted Desert in Arizona, die Sonne war schon sehr tief am staubigen Horizont, als es Herrn K. am Steuer seines schwarzen Dodge Daytona immer mulmiger wurde.
Schliesslich wurde ihm richtig schlecht.
Nirgendwo ein Zeichen von Zivilisation, kein Motel, keine Tankstelle, nichts. Nur eine unbeleuchtete, schnurgerade Strasse ins Dunkel; ab und zu huschte ein Tier im Scheinwerferlicht vorüber.
Herr K. konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten. Am Strassenrand wechselte er dann die volle gegen eine frische Unterhose. Nur mit den Spitzen von Zeigefinger und Daumen schmiss er die volle in den Strassengraben. Von weither hörte man das Bellen eines Hundes.
Stunden später in einem miefigen Motel abgestiegen, wurde es auch der Frau schlecht. Vom Bett aus hörte Herr K. Brechgeräusche aus dem Badezimmer. Sie blieben dann zwei Tage im Bett, ohne etwas Festes zu sich zunehmen.
Wieder einigermassen bei Kräften, besuchten sie ein McDonalds Restaurant, um eine Tasse Tee zu trinken.
»Es waren die Frühstückseier in Flagstaff«, vermutete Herr K.


Umzug

Erst vor kurzem las Herr K. in einer Tageszeitung unter den Todesanzeigen folgendes Inserat:
»Ich bin umgezogen. Roland J. 1950–2006. Meine neue Adresse ist: Friedhof R. in Z. Urnen-Reihengrab 4276. Über Besuche freue ich mich.«
Obwohl der Mann Herrn K. völlig unbekannt war, suchte er daraufhin dessen Grab auf. »Dieser Mensch interessiert mich. Schade, dass ich ihn erst jetzt getroffen habe«, dachte sich Herr K. und spielte mit dem Gedanken, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal vorbeizugehen.


Replik

Herr K. erzählte gern die folgende Geschichte aus seinem Militärdienst:
Es war während des sogenannten Abendrapports strengstens verboten zu reden. Während der Feldwebel draussen im Korridor den Rapport abnahm, hatten die Soldaten still in ihren Betten zu liegen und auf das anschliessende Lichterlöschen zu warten. Eines Abends missachtete Herr K. diese Regel und plauderte fröhlich mit einem Mitsoldaten, während es, von ihm jedoch unbemerkt, im Schlafsaal totenstill wurde, denn der dicke Feldwebel stand schon in der Tür, die Hände ins Kreuz gestützt.
Er grinste breit, genoss es sichtlich, jemanden bei einer Übertretung erwischt zu haben, und donnerte:
»Soldat K.! Sie melden sich nach dem Rapport bei mir. Wiederholen!«
»Sie melden sich nach dem Rapport bei mir«, entgegnete Herr K. in unschuldigem Tonfall.
»Nein!« schrie der Feldwebel. »SIE melden sich nach dem Rapport bei MIR!!! WIEDERHOLEN!!!«
»Hab verstanden! Sie melden sich nach dem Rapport bei mir. Wiederholen!« erwiderte Herr K. lässig.
So ging das Wortspiel eine ganze Zeit hin und her. Im Schlafsaal machte sich währenddessen eine leichte, vibrierende Unruhe bemerkbar. In den Betten waren einige Köpfe zum Platzen rot angelaufen. Auch der Feldwebel, immer denselben stupiden Befehl wiederholend, hatte eine rötliche Gesichtsfarbe, und das Grinsen war ihm vergangen, als es Herrn K. doch zu anstrengend wurde:
»Na gut, ICH komme nach dem Rapport zu IHNEN, verstanden, wiederholen.«
Sichtlich glücklich darüber, glimpflich aus dieser dramatischen Situation herausgekommen zu sein, stapfte der Feldwebel aus dem Schlafsaal, während ein allgemeines Gluckern und Gepruste losging.
Herr K. verbrachte die Nacht zur Strafe auf dem Wachtposten; es war sehr kalt draussen, und um fünf Uhr früh mussten zuerst der Feldwebel, dann die Unteroffiziere geweckt werden.
»Schade, dass ich so schnell aufgegeben habe«, dachte sich Herr K.

Lolita

Er hatte sie in einem seiner Fotokurse kennengelernt. Sie war erst siebzehn und ging noch zur Schule. »Lolita lässt grüssen«, meinten einige. Herr K. glaubte lange nicht daran, dass es mit ihnen etwas werden könnte. Trotzdem. Als sie eines Abends zusammen am See sassen und eine Flasche Weisswein tranken, gab er ihr einen dicken, etwas zu feuchten Kuss auf die Wange, mehr wie einem Kind als wie einer Geliebten, und sagte: »Schade, dass ich so viel älter bin als du.«
»Das macht mir nichts aus«, erwiderte die Frau und nahm zärtlich seine Hand.
Als sie Tage später das erste Mal bei ihm übernachtete, läutete, es war schon gegen zwei Uhr nachts, unverhofft das Telefon.
»Hier ist die Mutter«, sagte eine Frau aufgeregt. »Meine Tochter muss sofort nach Hause kommen, wir zahlen auch ein Taxi.«
»Das macht jetzt keinen Sinn«, erwiderte Herr K. »Sie schläft tief, und ich möchte sie nicht wecken. Sie kommt morgen früh nach Hause.«
»Gut, ich vertraue Ihnen«, sagte die Frau am Telefon nach langem Hin und Her.
»Aber ich mache Sie verantwortlich, wenn etwas passieren sollte. Übrigens nimmt sie erst seit kurzem die Pille«, sagte die Frau noch und hängte auf.

© Chris Wittwer 2008

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